Arm gegen Reich, Fuhrwerk gegen Eisenbahn, Wald oder Fabrikschlote … Dolfs Welt war voller Gegensätze!

Hintergrund

Dolf Mohr muss sich entscheiden, ob er den Weg des Räubers geht, der ihn durch den wachsenden Druck durch Polizeigewalt und Politik zum Geächteten macht und ihn alles kosten kann, oder ob er wieder das Leben des braven Fuhrmanns im Kreis seiner Familie leben will. Selbstverwirklichung und ihre Grenzen, soziales Gewissen, Familie und Egoismus sind große Themen der Geschichte. Sie finden im Kontext einer ebenso zerrissenen Zeit statt, die selbst noch nicht genau weiß, wohin die Entwicklung führen wird. Hunger, Armut und Krisensituationen prägen den Menschen und fordern ihn auf, sich ihnen zu stellen und zu handeln – oder zu kapitulieren. Als Subgenre des Historischen Romans, kann die Geschichte dem „Räuberroman“ zugeordnet werden und greift Elemente des David gegen Goliath-Typen und der Robin Hood-Tradition auf. Für Westfalen ist, anders als beim Schinderhannes oder Klaus Störtebeker, keine literarische Bearbeitung des Stoffes vorhanden. Romane über berühmte Räuber, wie etwa Nickel List („Die Hure und der Meisterdieb“ von Bettina Szrama, erschienen im Gmeiner Verlag), oder das klassische Stück „Die Räuber“ von Friedrich Schiller bilden sicher die Grundlage, liegen allerdings zeitlich früher, und die Komponente des Drucks der Industrialisierung und die Stimmung des Pulverfasses des Vormärz fehlen diesen Stoffen, sodass die Geschichte um Dolf Mohr unter den Räuberromanen eine Sonderstellung einnehmen könnte. Entsprechend wird die Atmosphäre des Romans gestaltet sein. Dolf Mohr legte bei seinen ersten Taten einen gewissen augenzwinkernden Charme an den Tag, schrieb etwa seinen Opfern Nachrichten an die Stalltüren, dass er beabsichtigte, sie in der Nacht zu „besuchen“, und diese kamen seiner Aufforderung, die Stalltüren offen zu lassen, sogar nach. Mohr verkleidete sich als Frau oder stahl einer Gruppe sich erleichternder Adliger die Kutsche quasi unter dem Allerwertesten weg. Andererseits bewies er eine dunkle und sehr kaltblütige Seite, wenn er bei seinen Einbrüchen erwischt wurde, schoss er auf seine Opfer oder erschlug sie halb, wenn es seinen Zielen diente. In ihm ist ein Spannungsverhältnis zwischen Charme und Situationskomik und seiner tief verwurzelten Aggression, die die Stimmung und Handlung des Romans kennzeichnen, angelegt. Dolf findet auch die Liebe, gründet gutbürgerlich eine Familie, sodass auch eine Liebesgeschichte (mit einem tragischen Ende im Verrat der Ehefrau) zu finden sein wird.

Historischer Kontext

Die Heimat Dolf Mohrs, das mittelalterliche Dorf Hörde im Süden Dortmunds, erlebt in den 1840er Jahren mit dem Bau eines ersten Hüttenwerks den Wandel hin zur Industrie. Eisenbahnen und Stahlkolosse prägen plötzlich die Landschaft, das alte Handwerk der Nagelschmiede stirbt aus, moderne Infrastruktur zieht mit der ersten Eisenbahn ein. Nach dem Abschütteln der napoleonischen Besetzung und der Machtübernahme durch die Preußen herrscht zudem gesellschaftliche Unsicherheit in Westfalen und im übrigen Gebiet des Deutschen Bundes. Sollen die alten Machtstrukturen, wie auf dem Wiener Kongress vereinbart, wieder eingesetzt oder doch eine liberalere Gesellschafts- und Staatsstruktur, wie in der Französischen Revolution gefordert, umgesetzt werden? Kann ein vereinter Staat der Deutschen entstehen? Die Klassen und ihre Vorstellungen stoßen in der Zeit des Vormärz aufeinander. Die Zeit ist ein Pulverfass, das in der 1848er Revolution endgültig explodiert, als sich die unzufriedenen Bürger gegen die feudale Landesstruktur erheben. Die Antwort der preußischen Regierung ist Waffengewalt, nicht nur in Berlin rücken Truppen gegen Demonstranten vor, auch in Hörde werden Soldaten stationiert und einquartiert. In Dortmund streiken die Eisenbahner wegen zu geringer Löhne, die kaum die Lebenshaltungskosten decken können. Im ganzen Ruhrgebiet fühlen sich die Einheimischen von Fremden überrannt, die von der Aussicht auf Arbeit in den Zechen aus den ärmeren Gegenden angelockt werden. Wohnraum wird teuer, die Gesellschaft verändert sich und muss sich neu finden. Vom unendlich scheinenden Wachstum der Stahlindustrie profitieren aber letztlich nur die Industriellen. Die Arbeiter kommen durch hohe Mieten und Lebensmittelpreise nur eben über die Runden – solange nichts passiert. Doch genau dieser Fall tritt ein: die Kartoffelfäule und schlechtes Wetter, verursacht durch einen Vulkanausbruch im Jahr 1815 (Der Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien wird für das „Jahr ohne Sommer“ 1816 verantwortlich gemacht), zerstören über Jahre die Ernten der Grundnahrungsmittel. Kaum jemand kann sich noch etwas zu essen leisten, viele Menschen verhungern. Die Politik zeigt sich unfähig, mit der Krise umzugehen, und es hagelt Beschwerden in der beschaulichen Atmosphäre der Biedermeier-Gemütlichkeit in den Häusern der Politiker. In dieser Zeit fielen Dolfs kriminelle Handlungen auf nährenden Boden. Was ansonsten als einfacher Raub abgehandelt worden wäre, wird im Klima der Not zur Rebellion gegen den Staat und die sozialen Verhältnisse hochstilisiert und Dolf bald als eine Symbolfigur der 1848er Revolution angesehen. Umso entschlossener gehen die Politiker gegen Ende seines Lebens gegen ihn vor. Das 19. Jahrhundert war insgesamt eine Zeit der Unsicherheit, der Rebellion und eines enorm zensierenden Einflusses des Staates, der sich an überkommene Sozialstrukturen klammerte. Es sah durch die Industrialisierung den Aufstieg der Arbeiterklasse, die gehört werden wollte, und prägte vor allem das Ruhrgebiet mit dem Abbau seiner Steinkohle und den Hüttenwerken der Stahlindustrie, die bis heute ikonisch bleiben. Dolf Mohr ist bis heute eine bekannte Größe in seiner Heimat und wird als Sozialrebell verehrt, der als einfacher Mann „Den da oben“ einen Denkzettel verpasst hat.